03.12.2020

"Selten einen Verein erlebt, der so innovativ unterwegs ist"

Autor / Quelle: NFV-Journal | Manfred Finger

NFV-Präsident Günter Distelrath lobt den Fußballclub Geestland - Sorgen bereitet nur die Suche nach neuen Schiedsrichtern

Zum Abschied steuerte Günter Distelrath noch einmal auf Vanessa Thomas zu. Dabei überreichte der NFV-Präsident der jungen Frau eine Visitenkarte, die verbunden war mit der Einladung, „einfach mal nach Barsinghausen zu kommen und sich zu informieren, wie wir mit dem Thema Nachhaltigkeit umgehen.“ Denn ebenso wie der NFV, der die Nachhaltigkeit als zentralen Wert in seiner Verbandskultur verankert hat, setzt sich auch die 18-Jährige intensiv mit diesem Thema auseinander. Seit Ende August absolviert Vanessa ein Freiwilliges Ökologisches Jahr im Sport. Ihre Einsatzstelle teilen sich dabei der FC Geestland und die Stadt Geestland, wo für sie im dortigen Rathaus ein eigenes Büro eingerichtet wurde. Beim Fußballverein, dort ist sie immer nachmittags, gehört die ökologische Ausrichtung der Sportstätten genauso zu ihren Aufgaben wie ein nachhaltiges Event- und Sportmanagement.

Die Erläuterungen zur FÖJ-Stelle von Vanessa Thomas sind an diesem Herbstabend Teil einer 21-minütigen Powerpoint-Präsentation, mit der der Vorsitzende Jörg Schröder seinen FC Geestland während des Vereinsdialogs mit Vertretern des Niedersächsischen Fußballverbandes in Wort und Bild vorstellt. 21 Minuten, die beeindrucken und die Günter Distelrath zu dem Schluss kommen lassen, „dass ich ganz selten einen Verein erlebt habe, der so innovativ unterwegs ist.“

Die Innovationsfreude mag daran liegen, dass der FC Geestland ein noch sehr junger Klub ist. Beheimatet ist er in der Mitte des Landkreises Cuxhaven. David Mc Allister, der ehemalige Niedersächsische Ministerpräsident, wurde in dieser Gegend groß, die Fernsehmoderatorin Ina Müller auch. Die Fußballer aus Müllers Heimatdorf Köhlen schlossen sich 2011 mit den Kickern dreier weiterer Sportvereine zum FC Rot-Weiß Wesermünde zusammen. Nicht der erste größere Fusionsvorgang in diesem weitläufigen Landkreis, denn bereits fünf Jahre zuvor, im Jahr des deutschen Sommermärchens, hatten ebenfalls vier Vereine mit ihren Fußballsparten den FC Geeste 06 aus der Taufe gehoben.

RW Wesermünde und Geeste 06 sollten aber nur sechs bzw. elf Jahre auf der niedersächsischen Fußball-Landkarte verweilen, denn 2017 vereinigten sich beide zum FC Geestland. Damit folgten die Fußballer dem politischen Beispiel, denn auch die gleichnamige Stadt gibt es erst seit 2015. Durch den Zusammenschluss der Stadt Langen mit der Samtgemeinde Bederkesa entstand damals die zweitgrößte Flächenstadt in Niedersachsen und die zehntgrößte in Deutschland.

„Unsere Fußballer sind räumlich weit voneinander getrennt. Das ist eine unserer wesentlichsten Herausforderungen“, betont Jörg Schröder deshalb nicht von ungefähr. Denn die Spielstätten für die 25 Mannschaften verteilen sich auf acht Ortschaften. Die Plätze von Köhlen im Süden und Flögeln im Norden trennen zum Beispiel 18 Kilometer. Auf eine zentral gelegene Spielstätte verzichtet der FC Geestland aber bewusst. „Wir wollen den Sport in den Ortschaften lassen“, sagt Schröder.

Die erste Herrenmannschaft, die in der Bezirksliga spielt, hat ihre Spielstätte in Kührstedt, das Frauenteam in Drangstedt und Bad Bederkesa. Dieses Team, das in der Weststaffel der Oberliga auf Tore- und Punktejagd geht, liegt Schröder besonders am Herzen, da er dort Teammanager ist und seine Tochter Sarah in der Abwehr spielt. Überhaupt wird der Mädchen- und Frauenfußball beim FC Geestland groß geschrieben. „Wir haben in allen Mannschaften rund 500 Spieler. Davon sind 100 weiblich. Im Dreieck Cuxhaven, Bremen und Stade haben wir uns zu einem Aushängeschild für den Mädchen- und Frauenfußball entwickelt. Darauf sind wir stolz“, sagt der Vereinsvorsitzende.

Die Zusammenarbeit mit den NFV-Verantwortlichen auf Kreis- und Bezirksebene bezeichnet er als bestens. „Wir sind ein Vorstand, der großen Wert auf eine direkte Kommunikation legt. Wenn etwas mal nicht so läuft, wie es laufen sollte, dann greifen wir zum Telefon und unterhalten uns darüber. Wenn man aufeinander zugeht, lassen sich Probleme schnell vermeiden“, sagt Schröder und lobt in diesem Zusammenhang die Informationspolitik des Verbandes in der Corona-Krise. „Der von euch zur Verfügung gestellte Leitfaden war klasse und gut umsetzbar. Wir konnten ihn mit einigen wenigen Anpassungen aufgrund lokaler Bedingungen an die Trainer weiterleiten, so dass der Betrieb dadurch im wahrsten Sinne des Wortes erst einmal geregelt war.“

Der FC Geestland, dies wird während des Vereinsdialogs immer wieder deutlich, ist an vielen Stellen hervorragend aufgestellt. Auch an der Unterstützung durch die lokale Wirtschaft mangelt es nicht. „Ein Sponsor ist bereit, etwas für einen Verein zu tun, wenn er sieht, dass im Verein etwas läuft“, hat Schröder festgestellt. Allerdings gibt es, so der Vorsitzende, „ein Kernproblem, dass uns seit der Vereinsgründung verfolgt und für das wir noch keine Lösung gefunden haben: Wir schaffen es nicht, ausreichend Schiedsrichter zu stellen und unsere jungen Schiedsrichter zu halten.“

So hätte sein Verein erst vor Kurzem vier, fünf Jugendliche ausbilden und komplett einkleiden lassen. Doch nach nur einem Jahr, so Schröder, waren sie größtenteils wieder weg. Da von den 25 FCG-Mannschaften zwölf in Ligen spielen, deren Spiele mit Schiedsrichtern besetzt werden, müsste der Verein zwölf Unparteiische stellen, die das Soll erfüllen (pro Saison 15 geleitete Spiele und die Teilnahme an fünf Lehrgängen). „Momentan lässt sich das aber einfach nicht realisieren“, sagt Schröder. Das Manko kostet Strafen und könnte, so befürchten es die Verantwortlichen, irgendwann auch Punktabzüge nach sich ziehen.

Wie sehr dem FC Geestland dieses Thema unter den Nägeln brennt, zeigt sich auch daran, dass über kein anderes solange gesprochen wird. Insgesamt dauert der Vereinsdialog, der in der Geestland-Halle im Ortsteil Elmlohe begann und dann im gut drei Minuten Fahrzeit entfernten „Krombacher Hof“ fortgesetzt wurde, 2 Stunden und 35 Minuten. 45 Minuten, und damit eine ganze Halbzeit, gehören davon den Unparteiischen. „Wenn Vereine Schiedsrichter gewinnen und auch halten wollen, müssen sie dafür das Umfeld schaffen, in dem die Leute Spaß haben, Schiedsrichter zu sein. Die Vereine müssen alles dafür tun, um die Schiris besser vor Beleidigungen und Angriffen zu schützen“, bemerkte hierzu der Lüneburger NFV-Bezirksvorsitzende Hans-Günther Kuers.

Werner Brickwedel, einer der aktivsten Schiedsrichter im FC Geestland, stimmte dem generell zu, sieht die Problemlage bezogen auf seinen Verein aber nicht in Pöbeleien oder gar Gewalt gelagert. Hierzu erzählt er ein Beispiel von zwei jungen Schiedsrichtern, die sowohl ihn als auch seinen Bruder, der ebenfalls pfeift, im Gespann begleitet haben. „Die waren richtig gut und standen bis zur Landesliga an der Linie. Dann aber haben sie sich entschieden, sonntags doch lieber wieder selbst Fußball zu spielen. Ich fände es gut, wenn für solche Leute die Möglichkeit bestünde, unter der Woche U 13- oder Ü 50-Spiele zu leiten und diese würden dann als Pflichtspiele angerechnet. Das wäre vielleicht ein Weg, sie zu halten und wir als Verein hätten davon auch einen Nutzen.“

Eine andere Hürde sei die regelmäßige Teilnahme an den Lehrabenden. Von den derzeit fünf verpflichtend zu besuchenden Lehrabenden sollten zumindest zwei nicht als Präsenzveranstaltung angeboten werden. „Wenn wir ganz junge Leute ausbilden, haben die noch keinen Führerschein und brauchen jemanden, der sie zu den Lehrabenden hinfährt. Insofern bitte ich Sie, einfach mal den Vorschlag mitzunehmen, ob man das Fachwissen nicht vermehrt online abfragt. So wie das in Schulen und Universitäten auch längst der Fall ist“, sagte Jörg Schröder zu den NFV-Vertretern. Zum Aspekt der Präsenz auf Lehrabenden beleuchtete Vorstandsmitglied Michael Kelle die Alterspyramide von der anderen Seite. „Vielleicht sollte man bei älteren Schiris das Thema Lehrabende nicht mehr so hoch hängen. Wieso müssen die noch jeden besuchen? Ohne Lehrabende dürfen die dann zwar nicht mehr im Bezirk pfeifen, aber in der 3. Kreisklasse kann man mit viel Erfahrung auch dann überleben, wenn man nicht die neueste Regeländerung der FIFA kennt.“ Diesen Ansatz erteilte Kuers eine klare Absage: „Wenn einer ein neutraler Schiedsrichter sein möchte, dann muss er zumindest die aktuellen Regeln kennen. Ohne Wenn und Aber.“

Gesprochen wurde auch über das Patensystem, bei dem junge Schiedsrichter zu ihren ersten Einsätzen von erfahrenen, älteren Kollegen begleitet werden. Für Werner Brickwedel ein System, das nicht optimal ist. „Es ist auf zwei, drei Begegnungen aufgebaut. Das sehe ich als zu wenig an, weil du dann noch nicht alles erlebt hast. Die Paten sollten zumindest eine halbe Saison mitfahren. Nicht zu jedem Spiel, aber vielleicht zu jedem zweiten.“ Mit inzwischen 65 Jahren und seit kurzem Rentner, will Brickwedel demnächst verstärkt am Nachmittag in die Jugendmannschaften gehen, um das Schiedsrichterwesen darzustellen und zu bewerben. „Im vergangenen Frühjahr musste im NFV-Kreis ein Anwärterlehrgang mangels Masse abgesagt werden. Der Landkreis Cuxhaven ist so groß wie das Saarland. Und wir kriegen noch nicht mal 14, 15 Fußballer für einen Schiedsrichterlehrgang zusammen. Das kann es nicht sein.“

Auch die Gewinnung von Ehrenamtlichen stand an diesem Abend auf der Agenda. Ein Thema, das sich für den FC Geestland mit seinen „frischen, interessierten und engagierten Leuten“ (so ein Teilnehmer) derzeit eher weniger stellt. Dafür aber umso mehr für seine Stammvereine. „Das Durchhaltevermögen der Leute lässt immer mehr nach. Ich habe inzwischen schon den vierten Schriftwart am Start“, sagt Matthias Schuster, Vorstandsmitglied des FC Geestland und seit 15 Jahren 1. Vorsitzender des TSV Kührstedt. Sollte man irgendwann einmal keine Leute mehr finden, käme als letzter Ausweg irgendwann wohl nur eine Bezahlung des Vorstandes in Frage, hierfür hätte sich vor Kurzem ja auch der Kreissportbund entschieden. „Das wäre der Anfang vom Ende, der erste Nagel im Sarg“, entgegnete Hans-Günther Kuers.

„Wir haben noch viel vor“ – Diesen Satz sagt Jörg Schröder während des Vereinsdialogs mehrfach. Hierzu zählt auch der Wunsch nach einem Ganzjahressportplatz. Ein Ziel, das derzeit aber nicht an oberster Stelle der Tagesordnung steht, weil der Verein hierzu die Unterstützung der Stadt und ggf. des Landkreises benötigt und die weitere Entwicklung in der Thematik „Kunstrasen und Mikroplastik“ abwarten muss.

Für Hans-Günther Kuers war der Abend im Geestlander Ortsteil Elmlohe ein ganz besonderer. „Dies war heute mein letzter Vereinsdialog. Auch er hat mich wieder begeistert. Die Vereinsdialoge sind etwas, was ich vermissen werde“, sagte der 69-Jährige aus Eldingen (NFV-Kreis Celle), der auf dem kommenden Lüneburger Bezirkstag im Januar 2021 nicht wieder als Vorsitzender kandidieren wird. Dieser Verzicht ist gleichbeutend mit dem Ende seiner über 40-jährigen ehrenamtlichen Karriere, die als Platzwart bei seinem Heimatverein MTV Eldingen begann und die ihn zum Vorsitzenden auf Vereins-, Kreis- und Bezirksebene sowie zum Vizepräsidenten auf Verbandsebene werden ließ. Eine einzigartige Laufbahn, die Kuers gerne als „Tellerwäscher-Karriere“ bezeichnet.

Weitere Bilder vom Vereinsdialog gibt es hier.

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Seite zuletzt aktualisiert am: 01.04.2021

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